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Eine Ära des in sich begründeten Wirkens und (Kunst)Schaffens im Bildhauerhaus als Vereinssitz »Symposion Europäischer Bildhauer« geht zu Ende!

Erbaut 1968

Der Bildhauer Karl Prantl arbeitete an seinem Zeichen, dem Grenzstein. Diese einzigartige Erfahrung, arbeiten unter freiem Himmel, an dem Ort, wo der Stein gebrochen wird, im hellen Sonnenlicht, beim Flügelschlag der Dohlen – führte zur Idee und schließlich zur Gründung des »Symposion Europäischer Bildhauer«. Im Sommer 1959 fand das erste Symposion im Steinbruch von St. Margarethen statt. Der prägende Gedanke, »aus dem Stein jene Bilder hauen, die Zeugnis ablegen von unserer Zeit …«. Die Abstraktion war gefunden – die zwölf eingeladenen Künstler aus aller Welt realisierten in der auf den Sommer begrenzten Lebensgemeinschaft ihre Skulpturen, der Steinbruch war Atelier und Ausstellung zugleich geworden, das Symposion (Gastmahl), die helfend ineinander greifenden Hände, die Erfahrung, der Dialog fielen auf fruchtbaren Boden.

Bildhauerhaus St. Margarethen1962-1967

Planungsbeginn: 1962
Bauzeit: 1965-1967
Bauherr: Symposion Europäischer Bildhauer
Am Steinbruch, 7062 St. Margarethen/Burgenland

Dem 1959 gegründeten Symposion Europäischer Bildhauer, einer Vereinigung internationaler Bildhauer zum saisonalen, gemeinschaftlichen Arbeiten in der Landschaft des Römersteinbruchs, standen anfangs keine adäquaten Aufenthaltsräumlichkeiten zur Verfügung, was sich nachteilig auf die Idee des künstlerischen Dialogs auswirkte. Deshalb fiel bald die Entscheidung, ein eigenes, in den Sommermonaten nutzbares Unterkunftsgebäude auf dem Steinbruchgelände errichten zu lassen. Johann Georg Gsteu, mit den Bedürfnissen der Bildhauer vertraut, wurde von der Generalversammlung auf Basis seiner überzeugenden Raum- und Materiallösungen für die Oberbaumgartener Kirche der Auftrag erteilt. Auf dem Bauplatz, einem Plateau auf halber Höhe eines Hügels, befand sich eine verfallene Kantine für Steinbrucharbeiter, die aus budgetären Gründen in die Planungen einbezogen wurde.  

Der Erstentwurf überspannte das zum Rechteck erweiterte, winkelförmige Fundament mit quer aneinandergereihten, selbsttragenden Kunststofftonnen. Dieses Projekt, für das bereits Belastungstests und Baumaßnahmen durchgeführt worden waren, stieß am Ende auf Widerstand, bereitete jedoch die Grundlage für die spätere konstruktive Struktur.

Infolge des intensiven Austauschs mit den Bauherren entwickelte sich eine funktionale Architektur, die speziellen Anforderungen genügen musste: Abgestimmt auf die extreme Wärmeeinwirkung im Steinbruch wird der niedrige Rechteckbau mittels Beibehaltung des massiven, annähernd einen halben Meter starken Bruchsteinmauerwerks zusammen mit wenigen, kleinen Fensteröffnungen sowie der bestimmenden Flachdach- und Deckenlösung natürlich klimatisiert.

Aufgesetzte u-, beziehungsweise wannenförmige Fertigbetonelemente, die innen in Tragrichtung über dem Mittelgang gestoßen, An den Außenseiten weit auskragen, schützen die Mauern vor direkter Sonneneinstrahlung und bilden einen gedeckten Umgang, der den schwebenden Eindruck des Daches verstärkt. Ais den Modulen des Deckensystems erwächst die Innengliederung: In vier Achsabständen sind acht Schlafzellen, in vier der Gemeinschaftsraum, dazwischen Küche und Sanitärräume angeordnet. Zwei in der Achse des Mittelgangs gegenläufig geführte Pfeiler mit abgetreppten Kragträgern schaffen im großen Gemeinschaftsraum ineinandergreifende, doch dezent abgegrenzte Bereiche.

Dem Sichtmauerwerk-Konzept aus lokalem Sandstein, der teilweise vom Vorgängerbau übernommen wurde, folgt die Verwendung einfacher Klinkerziegel, die als Fußboden und bei Zwischenwänden vorspringend als Ablagen in Küche und Sanitärräumen verarbeitet sind. Zusätzliche Farbakzente setzen sämtliche in Dunkelblau gestrichenen Eisenelemente. Der Forderung nach geringer Abnützung und unkomplizierter Instandhaltung kommt die spartanische Ausstattung entgegen: bescheidene Tische und Stühle im Gemeinschaftsraum, eingebaute Legekästen, je zwei Liegestätten in Zellenbreite übereinander, Holzklapptische und –sitze in den Zimmern. Sichtbar geführte Installationen sind nicht nur leicht zu warten, sondern unterstreichen die Konsequenz der reduzierten Gestaltung. Die Atmosphäre des klösterlichen Prinzips eremitischen und kommunalen Lebens begünstigt das feierliche Ruhe  ausstrahlende Raumklima. Mit dem Gebäude wurde der erstmals 1967 verliehene Bauherrenpreis der Zentralvereinigung der Architekten Österreichs erworben.

Enengl, Claudia: Johann Georg Gsteu. Architektur sichtbar und spürbar machen. Verlag Anton Pustet Salzburg, 2010, S.42-47

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